2010-12-25

🏘️ Der Nachbar

 

Sie befinden sich in Phase III des Praktikums als "Ihres Glückes Schmied" und haben sich für ein Geschichte entschieden? Fantastisch. Wir sind begeistert. Dank Ihrer freien Entscheidungen und Dank Ihrer verfügbaren Zeit können Sie die folgende Geschichte der dritten Phase Ihres Praktikum ganz in Ihrem eigenen Tempo genießen und Ihre persönlichen Erkenntnisse daraus gewinnen:

Vorbemerkungen

Bevor ich ihnen diese Geschichte erzähle, möchte ich Ihnen noch  – etwas verspätet – meine herzlichen Glückwünsche zum Eintritt in Phase III Ihres Praktikums aussprechen! Grandios! Wenn man das Fehlertraining erfolgreich absolviert hat, wird alles – dafür spricht jedenfalls meine langjährige Erfahrung – plötzlich sehr viel angenehmer und leichter. 

Natürlich gibt es immer mal wieder kleine und große Schnitzer und Patzer und es taucht noch manche paradoxe Handlungsanweisung auf, aber da ist es wie beim Hausputz: Wenn der Großteil erledigt ist, schrecken letzte, vereinzelte Staubflocken nicht mehr…

🏘️ Der Nachbar

Es war einmal ein Reisender, der einem strahlend glücklichen Mann begegnete.

„Verrate mir das Geheimnis deines Glücks!“, rief der Reisende, der noch nie einem so glücklichen Menschen begegnet war.

„Ich liebe das Leben, das ich lebe!“, erwiderte der Mann fröhlich.

„Aber deine Kleider sind abgerissen, dein Körper schmutzig und du lebst in einer felsigen Höhle ohne Komfort!“, stutzte der Reisende.

Der schmutzige Höhlenmann lächelte: „Stimmt, Askese ist das einzig Wahre! Schauen Sie sich meinen blöden Nachbarn an, der in seinem protzigen Palast einzig und allein dem Luxus fröhnt! Verwerflich! Ich hasse ihn! Halten Sie sich bloß fern von dem, der verdreht mit seinen komischen Ansichten selbst anständigen Leuten den Kopf...“

Der Reisende nickte und betrat trotzdem das Nachbargrundstück. 

Rosenduft empfing ihn. 

Er durchschritt einen geheimnisvollen Garten, in dem große und kleine, zauberhaft anmutende Blüten in allen Farben in der Sonne leuchteten. 

Der Nachbar saß, glücklich lächelnd, im Schatten einer großen Eiche auf einer Bank und winkte dem Reisenden freundlich zu.

„Ihr Nachbar sagt, Ihr Verhalten und Ihre Ansichten seien verwerflich“, sprach der Reisende als er sich gesetzt hatte.

Der Nachbar lachte herzlich. „Ach, der nette Asket von nebenan“, sagte er, „der ist doch bloß ein bisschen neidisch, weil ich in meinem Palast ein Zimmer habe, dass noch viel ärmlicher und verkommener ist als seine Höhle. Dagegen lebt dieser Pseudoasket verschwenderisch.“

„In der Tat?“, murmelte der Reisende. 

Der Nachbar stand auf und führte ihn in seinen Palast. 

Sie schritten durch lange Flure, vorbei an traumhaft schönen Zimmern und Gemälden. 

Der Nachbar öffnete eine prunkvolle Tür, hinter der sich ein Zimmer befand, dass so ärmlich, so karg und trist war, dass es den Namen Zimmer fast nicht verdiente. 

Der Reisende sah sich um. 

Dann sprach er: „Ich verstehe, dass Euch dieses Leben beglückt: Ihr lebt so edel und vornehm, Euer Anwesen ist unüberschaubar in seiner Größe und Pracht – und doch habt Ihr jederzeit die Möglichkeit, absolute Askese zu wählen. Euer Leben scheint bis ins letzte Detail erfüllt und vollständig.“

„Ist das so?“, der Nachbar schmunzelte.

„Aber natürlich!“, rief der Reisende und eilte zurück zu dem schmutzigen Mann in der Höhle.

„Sie haben mich angelogen“, rief er, „Ihr Nachbar ist durchweg ehrenwert und Sie sind bloß neidisch und missgünstig!“

„Sehen Sie“, entgegnete der Asket bekümmert, „er hat Ihnen gründlich den Kopf verdreht. Ich habe Sie gewarnt. Ziehen Sie Ihrer Wege, sonst werden Sie am Ende Ihres Lebens nicht mehr froh, weil Sie erkennen müssen, dass Sie nicht erkennen können, wer die Wahrheit spricht.“

„Natürlich erkenne ich das“, rief der Reisende erbost, „Ihr Nachbar hat mir sein Askesezimmer gezeigt, das viel ärmlicher ist als Ihre Höhle.“

„Ist das so?“, der Asket schmunzelte. „Wenn Sie es denn nun nicht anders wollen, folgen Sie mir…“

Der Reisende folgte dem Asketen in seine schmutzige Höhle tief in den Berg. 

Als er schon fast nichts mehr sehen konnte, hörte er, wie der Asket in der Dunkelheit einen Schalter betätigte. 

Plötzlich öffnete sich eine verborgene Tür und Licht flutete in den Höhlengang. 

Auf der anderen Seite der Tür erblickte der Reisende einen riesigen Garten mit einem Palast, so schön und reich verziert, dass das Anwesen des Nachbarn dagegen ärmlich und karg wirkte.

„Sehen Sie“, sprach der Asket, „mein Nachbar ist ein blöder, missgünstiger Mensch, der es nicht erträgt, dass ich einen so herrlichen verborgenen Palast besitze, gegen den sein ganzer Reichtum trist und unbequem wirkt. Ich rate Ihnen, halten Sie sich von ihm fern, denn er schreckt vor keiner Lüge zurück, um Sie von seiner Position zu überzeugen. Ich erspare Ihnen einiges Hin- und Hergelaufe, indem ich Ihnen gleich verrate: Ja, in meinem Palast gibt es auch noch ein Askesezimmer, das viel ärmlicher ist als das Askesezimmer, das Sie bei meinem Nachbarn besichtigen durften.“

„Oh!“, der Reisende war sprachlos und verwirrt. 

Er trottete zurück durch die dunkle Höhle bis zu deren Eingang und hinaus auf die Straße, von der aus er das Anwesen des Nachbarn sah, das ihm nun ärmlich und schal erschien. Einen Moment zögerte er, unschlüssig, ob er einfach seine Reise fortsetzen oder der Sache auf den Grund gehen sollte. 

Schließlich betrat er doch wieder das Grundstück des Nachbarn um ihn zur Rede zu stellen. Er traf ihn im Bade mit bezaubernden Frauen.

„Sie können mich nicht hinters Licht führen! Ihr Nachbar hat mir seinen verborgenen Palast gezeigt. Sie sind ein neidischer, armseliger Mensch!“, ereiferte sich der Reisende.

„Ist das so?“, der Nachbar lachte schallend.

„Wissen Sie“, entgegnete der Nachbar dann, „ich könnte Ihnen davon berichten, dass mein Nachbar einsam ist und nie Besuch in seinem verborgenen Palast empfängt und neidisch ist auf meine Frauen und Freunde, aber da Sie nicht nur ein dahergelaufener Tourist, sondern ein ehrenwerter Reisender zu sein scheinen und vermutlich nie wieder in diese Gegend der Welt kommen, werde ich Ihnen das Geheimnis hinter dem Geheimnis verraten: Der schimpfende Asket, bei dem Sie gerade in der Höhle waren, war auch ich. Sie haben mich vielleicht nicht erkannt, weil ich ein wenig schmutzig und grimmig war, aber ich war es, so wahr ich mich gerade wieder säubere. Als Asket in der Höhle habe ich Sie tatsächlich ein wenig angelogen, wenn auch anders als Sie vermuteten: Es gibt keinen Nachbarn. Es gibt nur mich. Ich liebe meine Höhle mit dem verborgenen Palast und ich liebe mein prächtiges Anwesen mit dem Askesezimmer und manchmal – so wie heute – liebe ich es, hin und her zu laufen und streunende Touristen hinters Licht zu führen.“

„Oh!“, der Reisende war sprachlos und verwirrt. Er verließ das Anwesen und ging die Straße entlang. 

Dabei passierte er das Grundstück mit der Höhle des Asketen, der ihm zurief: „Und? Hat er mittlerweile schon behauptet, er sei ich? Die größten Unverschämtheiten erfindet der! Jetzt verstehen Sie endlich, warum ich meinen Nachbarn so schrecklich finde, oder?“


Empfehlung

Wir empfehlen Ihnen, nach dieser Geschichte mit dem Erlernen oder Vertiefen der zentralen Komponenten des Praktikums weiterzumachen und vertrauen darauf, dass Sie Ihrer Begeisterung folgen und selbst die für Sie passende nächste Entscheidung innerhalb Ihres Praktikums identifizieren.

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Das Praktikum wird, wie Sie wissen, in Eigenverantwortung durchgeführt. Sofern Sie bei der Durchführung Ihres Praktikums, also während des Praktikumszeitraums, den Faden verlieren sollten, nutzen Sie bitte zur Orientierung die Informationen im Onboarding. Nehmen Sie sich alle Zeit, die Sie brauchen, um bewusst und in Ruhe zu lernen und "Ihres Glückes Schmied" zu werden.

Wir melden uns von unserer Seite spätestens im nächsten Jahr hier wieder bei Ihnen. 

 

Hinweis: Wenn Sie nur zufällig auf dieser Seite gelandet sind und Sie begeistert sind von der Vorstellung, "Ihres Glückes Schmied" zu sein, sind Sie herzlich eingeladen hier zu starten.