2011-04-14

Interview: "Ein Hoch auf die Freundschaft!"

Freundealarm! Autorenfoto: Philipp Winterberg
Buchautor Philipp Winterberg erklärt, warum Freundschaften wichtiger sind als Sport und gesunde Ernährung und verrät ein Glücksrezept.


Überragend wichtig! Freundschaften gehören zu den wertvollsten und beglückendsten Erfahrungen des Lebens. Wer nur der Karriere hinterher rennt, verpasst etwas Wesentliches. Schlimmer noch: Diese Menschen schaden ihrer Gesundheit. Oft, ohne die Fakten zu kennen.

Zum Beispiel eine aktuelle Studie der Brigham Young University in Utah, die zeigt, dass es schädlicher ist, keine Freunde zu haben, als stark übergewichtig zu sein. Unsere Gesundheit verzeiht uns 10 Zigaretten pro Tag eher als Einsamkeit. Wenn wir unser Fitnessprogramm komplett an den Nagel hängen und statt dessen Freundschaften aufbauen und pflegen, ist das laut Studie gesünder, als topfit, schlank und allein zu sein.

Exakt. Ist das nicht faszinierend? Wir werden seit frühster Kindheit mit so vielen Appellen zu gesunder Ernährung, Warnungen zur Schädlichkeit des Rauchens, des Übergewichts, des Alkohols etc. etc. überflutet und die Wahrheit sieht ganz anders aus. Ich fordere Pro-Freundschafts-Kampagnen! Meinetwegen auch als dramatischer Furchtappell: "Einsamkeit schadet mehr als täglich 10 Zigaretten". Ach, nein, doch lieber positiv: Projekte wie "Freundealarm!" oder die "Virtuelle Gute Tat" können dabei helfen, Freundschaften zu pflegen, zu beleben, zu vertiefen und zu genießen.

Freundealarm! Cover mit fiktiver Warnung

(lacht) Da hatten unsere Eltern ausnahmsweise gar nicht so unrecht. Die Forscher Nicholas Christakis und James Fowler untersuchten an der Universität Harvard, wie wir Freunde mit unseren Verhaltensweisen, Einstellungen und Launen anstecken. Das funktioniert natürlich auch in die andere Richtung. Jeder hat sich wohl schon einmal dabei ertappt, wie er ein Wort oder eine Geste von einem Freund übernommen hat.

Bis zu einem gewissen Grad: Ja. Studien haben gezeigt, dass selbst Glück ansteckend ist. Erstaunliches Ergebnis: Selbst die Freunde der Freunde von Freunden, Menschen also, die wir unter Umständen gar nicht kennen, können unser Glück indirekt zu über 5% beeinflussen. Die Wahrscheinlichkeit, dass wir selbst glücklich sind, steigt übrigens um satte 9% mit jedem zusätzlichen glücklichen Freund. Ein Glücksrezept: Haben wir viele glückliche Freunde, sind wir fast automatisch auch glücklich. Angesteckt. Im positiven Sinne.

Nein, nicht wirklich, es gibt eine natürliche Grenze. Unser Gehirn, so fand Professor Dunbar in Oxford heraus, kann nur etwa 150 persönliche Beziehungen sinnvoll verarbeiten.

Freundealarm! Group Hug

Professor Dunbar gliedert die 150 Freunde in vier Freundeskreise: 1. Freundeskreis: Etwa 3-5 Personen. Dies sind die engsten Freunde. 2. Freundeskreis: Um die 15 Personen. Die guten Freunde, Psychologen sprechen zusammenfassend von der "Sympathy Group". Der erste und zweite Freundeskreis umfasst die Menschen, die uns viel bedeuten. Diese Freunde sind auf dem "Freundealarm!"-Cover abgebildet. Der 3. (ca. 50 Personen) und 4. Freundeskreis (rund 150 Menschen) umfasst entferntere Freunde und gute Bekannte, zu denen der Kontakt deutlich weniger eng und emotional ist.

Darauf gibt es nur eine ungefähre Antwort: Einige wenige enge Freunde und eine handvoll gute Freunde, also Professor Dunbars 1. und 2. Kreis, scheinen die gesunde Basis zu sein. Allein zeitlich wird es bei sehr vielen Freunden schwierig: Wer bei Facebook viele hundert Kontakte hat, kann diese Beziehungen nicht in dem Maße pflegen, in dem ein anderer sich um seine 3-5 besten Freunde kümmert, ihnen beisteht und sich von Ihnen unterstützen lässt, wenn es einmal eine Prüfung zu bestehen gilt. Dass diese Unterstützung übrigens tatsächlich wirkt, hat Professor Heinrichs von der Universität Freiburg experimentell nachgewiesen.

Freundealarm! Steckbrief

Wenn wir uns von einem engen Freund oder einer engen Freundin zu einer Prüfung begleiten lassen und die letzten Minuten vor Prüfungsbeginn in seiner bzw. ihrer Gegenwart verbringen, ist während der Folgezeit der Cortisolspiegel im Blut niedriger und wir sind besser gegen Stress geschützt. Für so manche Prüfung kann dies entscheidend sein… Ein Hoch auf die Freundschaft!

Interview als PDF / Interview als DOC

1 Kommentar:

  1. Spontan fällt mir dazu ein, dass es sinnvoll ist seine Freunde glücklich zu machen weil das wieder positiv auf mich zurückfällt. Und was die Bezeichnung Freunde bei Facebook betrifft, denke ich nicht das der Begriff Freunde besonders gut gewählt ist. Es ist ein soziales Netzwerk und dient der Vernetzung auch mit Menschen die man niemals trifft, und vielleicht auch niemals zu seinen Freunden zählen will. Aber aus der Vernetzung kann dennoch etwas gutes entstehen.

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